Bernhardiner

FCI-Gruppe 2 · Sektion 2.2 · Molosser, Typ Berghunde
Bernhardiner
Auf der Passhöhe des Großen St. Bernhard, 2469 m über Meer, gründeten Mönche im 11. Jahrhundert ein Hospiz als Zufluchtsort für Reisende und Pilger. Wichtig zu wissen: Dokumentierte Häufungen: Hüft- und Ellbogengelenksdysplasie (u. a. Zuchtprogramm-Röntgenkontrollen, OFA-Statistikdatenbank), Magendrehung/GDV als tiefbrüstige Riesenrasse mit hoher Fallsterblichkeit (Glickman et al. 2000, JAVMA) …
Größe
♂ 70 cm · ♀ 65 cm
Gewicht
♂ 60–90 kg · ♀ 50–75 kg
Lebenserwartung
8–10 Jahre
Aktivität
Mittel
Kosten / Monat
ca. 150–280 €
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Steckbrief
FCI-Gruppe
Gruppe 2 (Pinscher und Schnauzer – Molossoide – Schweizer Sennenhunde), Sektion 2.2 (Molosser, Typ Berghunde), FCI-Standard Nr. 61 — Publikationsdatum des gültigen offiziellen Standards: 04.04.2016 (deutsche und englische Übersetzungsfassung vom 03.06.2016; ohne Arbeitsprüfung)
Herkunft
Schweiz
Größe
Rüde: Mindestmaß 70 cm, Höchstmaß 90 cm Widerristhöhe (FCI-Standard Nr. 61). Hunde, die das Höchstmaß überschreiten, werden laut Standardtext in der Beurteilung nicht abgewertet, sofern Gesamterscheinung harmonisch und Gangwerk korrekt bleiben — eine Ausnahmeregel, die in der Praxis zu tendenziell noch größeren Zuchttieren beiträgt (siehe pflege_gesundheit). · Hündin: Mindestmaß 65 cm, Höchstmaß 80 cm Widerristhöhe (FCI-Standard Nr. 61), gleiche Überschreitungs-Ausnahme wie beim Rüden.
Gewicht
Rüde: 60–90 kg (FCI-Standard macht wie bei vielen Molosser-Rassen keine eigene Gewichtsvorgabe → Praxis-Richtwert; Quellen variieren spürbar: mehrere deutschsprachige Ratgeberportale nennen 60–90 kg, andere Sekundärquellen 64–82 kg, einzelne besonders große Rüden werden in Rasseliteratur mit deutlich über 100 kg beschrieben — eine belastbare einzelne Höchstzahl wird hier bewusst nicht behauptet) · Hündin: 50–75 kg (FCI macht keine Gewichtsvorgabe; Praxis-Richtwert, einzelne Sekundärquellen nennen enger gefasst 54–64 kg)
Lebenserwartung
8–10 Jahre (Quellen variieren teils bis 12 Jahre in Einzelfällen). Rassespezifische Überlebensdaten aus der schwedischen Versicherungskohorte (Egenvall, Bonnett, Hedhammar & Olson 2005, Acta Veterinaria Scandinavica 46:121–136, über 350.000 versicherte Hunde 1995–2000) zeigen für den Bernhardiner eine Sterbewahrscheinlichkeit von rund 30 % bis zum 5. Lebensjahr, 52 % bis zum 8. und 74 % bis zum 10. Lebensjahr. Teng, O’Neill et al. 2022 (Scientific Reports 12:6415, VetCompass UK) ermittelten für Riesenrassen als Gruppe eine mittlere Lebenserwartung von 8,9 Jahren, rund drei Jahre unter dem Durchschnitt aller untersuchten Hunde. McMillan, Bielby, Williams, Upjohn, Casey & Christley 2024 (Scientific Reports 14:531) führen den Bernhardiner unter den Rassen mit erhöhtem Frühsterblichkeitsrisiko, das die Studie mit hohem Körpergewicht und langem Kopf/Schädel korreliert.
Fellfarben
Laut FCI-Standard Nr. 61: Grundfarbe Weiß mit kleineren oder größeren klaren roten Platten („Plattenhunde“) bis durchgehend klaren bis dunkelroten Decken über Rücken und Flanken („Mantelhunde“); zerrissener, mit Weiß durchbrochener Mantel gleichwertig. Gestromtes Rotbraun zulässig, Braungelb toleriert, dunkle Verbrämung am Kopf erwünscht, Anflug schwarzer Schattierungen zulässig. Vorgegebene weiße Abzeichen: Brust, Pfoten, Rutenspitze, Nasenband, Blesse, Genickfleck. Erwünschte Abzeichen: weißer Kragen, symmetrische dunkle Maske. Vollständig weißes oder vollständig rotbraunes Haarkleid (Fehlen der Grundfarbe) sowie andersfarbiges Haarkleid und unpigmentierte „Rotnasen“ sind laut Standard disqualifizierend.
Aktivitätslevel
Mittel — Der FCI-Standard beschreibt das Wesen des Bernhardiners knapp: „Im Wesen freundlich; Temperament ruhig bis lebhaft; wachsam.“ Die VDH-Rassebeschreibung ergänzt …
Pflegeaufwand
Mittel — Der Fellpflegeaufwand unterscheidet sich je nach Varietät (vollständiger Delta-Check im Varietäten-Repeater oben): Die Kurzhaar-/Stockhaar-Varietät kommt mit gelegentlichem, die …
Anfängergeeignet
Kein pauschales Ja oder Nein: Wesensmäßig gilt der Bernhardiner laut FCI-Standard als freundlich, ruhig bis lebhaft und wachsam, was ihn charakterlich grundsätzlich auch für Halter mit weniger Hundeerfahrung zugänglich macht. Entscheidend ist aber das Grundwissen um die praktischen Konsequenzen eines 60–90 kg schweren, ausgewachsenen Hundes im Alltag: konsequenter, früh begonnener Leinen- und Grundgehorsamsaufbau über positive Verstärkung ist aus Sicherheitsgründen wichtiger als bei kleineren Rassen, ebenso realistisches Wissen über Platzbedarf, laufende Kosten und die dokumentierten gesundheitlichen Risiken des Riesenwuchses (siehe pflege_gesundheit). Mit dieser Vorbereitung ist die Rasse auch für engagierte Einsteiger machbar, für spontane Erstlingshalter ohne Vorbereitung eher nicht.
Listenhund-Status
Kein Listenhund — in keinem der 16 Bundesländer gelistet (Stand: 22.08.2026)
Geschätzte Kosten
Anschaffung 900–2.200 € · laufend ca. 150–280 €/Monat — Details im Kostenrechner unten
Herkunft & Geschichte
Auf der Passhöhe des Großen St. Bernhard, 2469 m über Meer, gründeten Mönche im 11. Jahrhundert ein Hospiz als Zufluchtsort für Reisende und Pilger. Dort wurden laut FCI-Standard Nr. 61 seit der Mitte des 17. Jahrhunderts große Berghunde zur Bewachung und zum Schutz gehalten; ihre Existenz ist bildlich seit 1695 und schriftlich in einer Aktennotiz des Hospizes aus dem Jahr 1707 dokumentiert. Die direkten Vorfahren waren große, in der Gegend verbreitete Bauernhunde, die in wenigen Generationen nach einem festgelegten Idealtyp zur heutigen Rasse gezüchtet wurden. Die Hunde wurden bald als Begleithunde und besonders als Rettungshunde für in Schnee und Nebel verirrte Reisende eingesetzt. Die in vielen Sprachen publizierten Chroniken über zahlreiche gerettete Menschenleben sowie die mündlichen Berichte der Soldaten, die 1800 mit Napoleons Armee den Pass überquerten, verbreiteten im 19. Jahrhundert den Ruf des Bernhardiners — damals „Barry-Hund“ genannt — über ganz Europa.
Der legendäre Barry gilt als Urbild des Rettungshundes: Der Überlieferung nach soll er über 40 Menschenleben gerettet haben (exakte Zahl historisch nicht letztgültig verifizierbar, unsicher). Sein präparierter Körper steht bis heute im Naturhistorischen Museum Bern; bemerkenswerterweise wurde die Präparation 1923 verändert — der Kopf wurde größer, die Statur imposanter gestaltet, weil Museumsbesucher damals fanden, das Original sehe „nicht wie ein richtiger Bernhardiner“ aus. Dieses Detail zeigt anschaulich, wie sich das Rassebild im kollektiven Bewusstsein über die Zeit selbst mit veränderte. Der bis heute verbreitete Mythos, die Hospiz-Hunde hätten ein Fässchen Branntwein am Halsband getragen, geht historisch auf ein Gemälde des damals 17-jährigen britischen Malers Edwin Landseer zurück („Alpine Mastiffs Reanimating a Distressed Traveler“, 1820), der das Fässchen zur dramatischen Ausschmückung hinzufügte; historische Aufzeichnungen des Hospizes belegen kein solches Fässchen, und Alkohol wäre bei Unterkühlung ohnehin kontraproduktiv, da er die periphere Gefäßerweiterung und damit den Wärmeverlust zusätzlich verstärkt (siehe Insight 5, Block D).
Heinrich Schumacher von Hollingen bei Bern begann 1867 als Erster, für seine Hunde Abstammungsurkunden auszustellen. Im Februar 1884 wurde das Schweizerische Hundestammbuch (SHSB) eröffnet; die allererste Eintragung war der Bernhardiner „Léon“, die folgenden 28 Eintragungen betrafen ebenfalls Bernhardiner. Am 15. März 1884 wurde der Schweizerische St. Bernhardsclub in Basel gegründet. Anlässlich eines internationalen Kynologen-Kongresses am 2. Juni 1887 wurde der St. Bernhardshund offiziell als schweizerische Hunderasse anerkannt und der Rassestandard für verbindlich erklärt; seither gilt der Bernhardiner als Schweizer Nationalhund. Die Zucht am Hospiz selbst wurde später von der 2005 gegründeten Fondation Barry in Martigny übernommen, die die Bernhardiner-Population des Großen St. Bernhard bis heute betreut.
Ursprünglich war am Hospiz nur der Kurzhaar-/Stockhaar-Typ verbreitet — der FCI-Standard führt ihn bis heute als eigene Varietät (siehe Schritt-0.5-Ergebnis oben). Der Langhaar-Typ entstand nach überwiegend übereinstimmenden, im genauen Zeitpunkt aber nicht abschließend geklärten Sekundärquellen erst im 19. Jahrhundert durch Einkreuzung von Neufundländern, nachdem Krankheitswellen Teile der Hospiz-Zucht dezimiert hatten. Für die tatsächliche Lawinen- und Bergrettungsarbeit blieb der Kurzhaar-Typ der praktischere, da sich im langen Fell der Langhaar-Variante leichter Schnee und Eis anlagerten. Heute prägt vor allem der Langhaar-Typ das öffentliche Bild der Rasse, während echte Rettungseinsätze im Gebirge längst nicht mehr von Bernhardinern, sondern von spezialisierten Lawinenhunden anderer, wendigerer Rassen übernommen werden — eine Folge auch der im Standard zugelassenen Ausnahmeregel, wonach Hunde über dem Höchstmaß nicht abgewertet werden, was über Generationen zu einem tendenziell noch schwereren, weniger arbeitstauglichen Zuchttyp beigetragen hat (siehe pflege_gesundheit).
Wesen & Charakter
Der FCI-Standard beschreibt das Wesen des Bernhardiners knapp: „Im Wesen freundlich; Temperament ruhig bis lebhaft; wachsam.“ Die VDH-Rassebeschreibung ergänzt dies um „ausgeglichen und selbstsicher“ mit „angeborener Anhänglichkeit“ an die Familie sowie einen im Umgang mit Kindern „robusten und geduldigen“ Charakter. Diese Wesensmerkmale sind historisch aus dem dokumentierten Verwendungszweck heraus nachvollziehbar: Der FCI-Standard führt die Rasse ausdrücklich als „Begleit-, Wach- und Hofhund“ — ein über Jahrhunderte am Hospiz gelebter Auftrag aus Bewachung, engem Kontakt zu Reisenden/Bewohnern und eigenständigem Handeln bei der Rettungsarbeit. Die wachsame Grundhaltung gegenüber der Umgebung lässt sich somit direkt auf den im Standard genannten Verwendungszweck zurückführen.
Wichtig zur Einordnung: Anders als bei Jagd-, Hüte- oder Apportierrassen lässt sich das Alltagsverhalten des Bernhardiners NICHT aus der modifizierten Beutefangsequenz nach Coppinger (Orientieren – Fixieren – Anschleichen – Hinterherjagen – Fangbiss – Tötungsbiss – Aufreißen – Fressen) herleiten — der Bernhardiner ist historisch kein auf eine Teilsequenz der Jagd spezialisierter Arbeitshund, sondern ein Wach-, Begleit- und Rettungshund. Eine Instinktketten-Herleitung für Verhalten wie Wachsamkeit gegenüber Fremden, Anhänglichkeit oder Leinenverhalten wäre hier „behauptet statt belegt“ und wird deshalb bewusst nicht vorgenommen (siehe Insight 1, Block D, für die ausführliche Einordnung).
Praktisch bedeutsamer als jede Instinktherleitung ist die schiere Körpermasse der Rasse: Ein 60–90 kg schwerer, ausgewachsener Hund setzt beim Ziehen an der Leine oder beim freudigen Anspringen an der Tür ein physisches Kraftpotenzial frei, das bei kleineren Rassen kein Sicherheitsthema wäre. Verhaltensweisen wie Leinenziehen erklären sich lerntheoretisch über Körpermasse und (auch unbeabsichtigte) Verstärkung des Ziehens durch Vorankommen — nicht über einen vererbten „Zughund“- oder „Wachhund“-Instinkt, der so nicht belegt ist. Die im Standard beschriebenen leichten Stirnfalten und die stark entwickelten, nicht zu stark überhängenden Lefzen können zudem feine mimische Signale etwas dämpfen (siehe Insight 2, Block D).
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Erziehung & Beschäftigung
Die größte erzieherische Aufgabe beim Bernhardiner ist nicht Ungehorsam im umgangssprachlichen Sinn, sondern der frühzeitige, konsequente Aufbau von Leinenführigkeit und Grundgehorsam, bevor der Welpe sein erwachsenes Gewicht von 60–90 kg erreicht. Was bei einem 8 kg schweren Welpen als harmloses Ziehen an der Leine beginnt, wird bei gleichem, unverändertem Verhalten im erwachsenen Zustand zu einem echten Sicherheitsthema — nicht, weil sich der Charakter des Hundes ändert, sondern weil sich seine Körpermasse vervielfacht. Über positive Verstärkung aufgebauter, ruhiger Rückruf und ein zuverlässiges „Bei-Fuß“ sollten deshalb bereits im Welpenalter beginnen, wenn Korrekturen noch mit geringem Kraftaufwand möglich sind.
Wird ein zuvor erfolgreiches Zug- oder Anspringverhalten plötzlich konsequent nicht mehr belohnt (etwa durch konsequentes Stehenbleiben bei Leinenzug), kann es kurzfristig zu einem Extinktionsburst kommen — einer vorübergehenden Verstärkung des unerwünschten Verhaltens (stärkeres Ziehen, lauteres Bellen), bevor es abklingt. Halter sollten das als erwartbare, normale Trainingsphase einordnen, nicht als gescheitertes Training oder Zeichen von „Sturheit“.
Von Dominanz- oder Unterordnungsansätzen ist grundsätzlich abzuraten — Begriffe wie „Rudelführer“ oder „Chef sein“ gehören nicht zu einer fachlich fundierten Erziehung und sind bei einem so kräftigen Hund auch aus Sicherheitsgründen kontraproduktiv, da sie Vertrauen und Kooperationsbereitschaft beschädigen, statt Handling-Sicherheit aufzubauen. Aversive Methoden sind zudem studienbasiert mit mehr Stresssignalen und einer schlechteren Mensch-Hund-Beziehung verbunden (Vieira de Castro et al. 2020, PLOS ONE; Ziv 2017, Journal of Veterinary Behavior) — das gilt rassenunabhängig, gewinnt bei einem derart kraftvollen Hund aber zusätzliches Gewicht.
Beim Bewegungsprogramm gilt für Welpen und Junghunde eine besondere Vorsicht: Als Riesenrasse mit dokumentiertem HD-/ED-Risiko sollten lange Spaziergänge, intensives Treppensteigen und Sprünge erst nach Wachstumsabschluss der Gelenke gesteigert werden; viele Zuchtvereine und Tierarztpraxen empfehlen für Riesenrassen ein kontrolliertes, an das Wachstum angepasstes Bewegungspensum statt frühzeitiger Ausdauerbelastung. Kurze, dafür mehrmals tägliche Spaziergänge sowie ruhige Beschäftigung (Nasenarbeit, einfache Suchspiele) entsprechen dem im Standard beschriebenen „ruhig bis lebhaft“ eingestuften Temperament besser als sportliche Höchstleistungen. Der Besuch einer Hundeschule mit Erfahrung im Umgang mit Riesenrassen ist für den sicheren Leinen- und Grundgehorsamsaufbau ausdrücklich empfehlenswert, gerade weil spätere Korrekturen bei ausgewachsenem Gewicht deutlich schwerer umzusetzen sind als im Welpenalter.
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Pflege & Gesundheit
Der Fellpflegeaufwand unterscheidet sich je nach Varietät (vollständiger Delta-Check im Varietäten-Repeater oben): Die Kurzhaar-/Stockhaar-Varietät kommt mit gelegentlichem, die Langhaar-Varietät mit deutlich häufigerem, gründlicherem Bürsten aus, insbesondere während des ausgeprägten saisonalen Fellwechsels, bei dem beide Varietäten erhebliche Mengen Unterwolle verlieren. Kein Beleg in FCI-Standard oder recherchierter Fachliteratur für ein von der Langhaar-Varietät abweichendes Krankheitsrisikoprofil — die dokumentierten rassespezifischen Risiken (HD/ED, Magendrehung, Osteosarkom, DCM, En …
Gesundheitlich zeigt der Bernhardiner als Riesenrasse mehrere unabhängig dokumentierte Risikofelder, ohne dass eines davon einem im Standard vorgeschriebenen, zwangsläufig jedes Tier betreffenden schädigenden Zuchtmerkmal entspricht (siehe risikoflag_begruendung für die redaktionelle Einordnung dieses Lexikons). Hüft- und Ellbogengelenksdysplasie sind bei der Rasse häufig dokumentiert und Gegenstand verbindlicher Röntgenkontrollen vor der Zuchtzulassung in Zuchtvereinen sowie der OFA-Statistikdatenbank. Als tiefbrüstige Riesenrasse trägt der Bernhardiner zudem ein hohes Risiko für Magendrehung (GDV): Große und riesige Rassen zeigen laut Glickman et al. (2000, JAVMA 217(10)) eine Inzidenz von 23–26 Fällen pro 1.000 Hundejahre und eine Fallsterblichkeit von rund 30 % — GDV zählt bei Riesenrassen zu den häufigsten Todesursachen überhaupt. Osteosarkom (Knochenkrebs) ist bei der Rasse dokumentiert; hohes Körpergewicht gilt in Fachübersichten (Dobson 2013, International Scholarly Research Notices) als einer der stärksten bekannten Risikofaktoren für diese Krebsart. Dilatative Kardiomyopathie (DCM) wird in populationsbasierten Herz-Mortalitätsdaten unter den Rassen mit erhöhtem Risiko geführt.
Ein besonderer Fall struktureller Ehrlichkeit: Der FCI-Standard listet „Mangelhafter Lidschluss“ und „Nach außen fallende Lefzen am Unterkiefer“ ausdrücklich als Fehler, „Starke Faltenbildung an Kopf und Hals“ als schweren Fehler und Ektropium/Entropium sogar als disqualifizierenden Fehler — der Standard versucht damit aktiv, übertriebene Lidfehlstellungen und Hautfalten zurückzudrängen. Trotzdem zeigt eine aktuelle, groß angelegte VetCompass-UK-Studie (O’Neill, Mustikka, Brodbelt, Church & Vaattovaara 2025, PLOS ONE, doi 10.1371/journal.pone.0326526) beim Bernhardiner eine Entropium-Prävalenz von 5,00 % und eine Ektropium-Prävalenz von 1,72 % — die zweithöchste aller in dieser Studie erfassten Rassen. Die Autoren führen dies auf überlange Augenlider, eine suboptimale laterale Kanthusunterstützung und die typische „Diamond-Eye“-Lidkontur der Rasse zurück. Das zeigt: Auch wenn der Standard das Merkmal nicht fordert, sondern dagegen steuert, bleibt ein dokumentiertes, real erhöhtes Risiko bestehen — Grundlage für risikoflag_rechner=ja bei gleichzeitig qualzucht_flag=nein.
Genetisch belegt ist außerdem eine autosomal-rezessive CNTNAP1-Genvariante, die beim Bernhardiner (ebenso wie beim Leonberger) eine Kehlkopflähmung-Polyneuropathie (Larynxparalyse mit Muskelschwäche/-atrophie und einatmungsbedingtem Stridor) verursacht, mit einem mittleren Erkrankungsalter von rund 2,1 Jahren bei betroffenen Bernhardinern (Shelton et al.); ein Gentest auf die Variante ist verfügbar. Epilepsie wird in tierärztlicher Fachliteratur als rassetypisches Thema geführt, eine belastbare aktuelle Prävalenzzahl wurde in der Recherche nicht gefunden — unsicher, weitere Prüfung empfohlen. Insgesamt ist die Lebenserwartung für die Körpergröße dokumentiert kurz: Nach der schwedischen Versicherungskohorte (Egenvall et al. 2005) sterben rund 30 % der Bernhardiner vor dem 5., 52 % vor dem 8. und 74 % vor dem 10. Lebensjahr; Teng et al. (2022) ermittelten für Riesenrassen als Gruppe eine mittlere Lebenserwartung von 8,9 Jahren, McMillan et al. (2024) führen den Bernhardiner unter den Rassen mit erhöhtem Frühsterblichkeitsrisiko.
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Häufige Fragen zum Bernhardiner
Beide sind laut FCI-Standard Nr. 61 dieselbe Rasse mit derselben Standardnummer, keine eigenständigen Rassen. Der Hauptunterschied liegt im Fell und damit im Pflegeaufwand: Die Kurzhaar-/Stockhaar-Varietät hat dichtes, glattes, anliegendes Deckhaar und ist pflegeleichter, die Langhaar-Varietät trägt mittellanges, an Läufen befedertes Fell mit stark behosten Keulen und braucht deutlich häufigeres Bürsten. Größe, Gewicht, Wesen und Gesundheitsrisiken sind laut Standardtext und recherchierter Fachliteratur bei beiden identisch.
Nicht pauschal zu beantworten: Wesensmäßig gilt die Rasse laut FCI-Standard als freundlich und ruhig, was den Einstieg erleichtert. Entscheidend ist aber, ob früh und konsequent an Leinenführung und Grundgehorsam gearbeitet wird, bevor der Hund sein Endgewicht von 60–90 kg erreicht, und ob die dokumentierten Gesundheitsrisiken sowie der Platz- und Kostenbedarf realistisch eingeplant werden.
Nein, das ist ein weitverbreiteter Mythos ohne historische Grundlage. Er geht auf ein Gemälde des britischen Malers Edwin Landseer aus dem Jahr 1820 zurück, der ein Fässchen zur dramatischen Ausschmückung hinzufügte. Historische Aufzeichnungen des Hospizes am Großen St. Bernhard belegen kein solches Fässchen — und Alkohol wäre bei Unterkühlung ohnehin kontraproduktiv, da er die Wärmeabgabe des Körpers zusätzlich verstärkt statt sie zu verringern.
Die Rasse zeigt kein Qualzucht-Merkmal im Sinne der redaktionellen Einordnung dieses Lexikons — der FCI-Standard fordert im Gegenteil ausdrücklich einen guten Lidschluss und disqualifiziert Ektropium/Entropium. Dennoch belegen mehrere unabhängige Studien ein rassetypisch erhöhtes Risiko für Hüft-/Ellbogendysplasie, Magendrehung, Osteosarkom, Herzerkrankungen sowie eine für den Riesenwuchs verkürzte Lebenserwartung von 8–10 Jahren. Vor einer Anschaffung lohnt sich ein Gespräch mit dem Zuchtverein über die Gesundheitsvorsorge der Elterntiere sowie eine realistische Kalkulation der Tierarztkosten.
Nein. Der Bernhardiner steht in keinem der 16 Bundesländer auf einer Rasseliste für gefährliche Hunde und unterliegt keiner bundesweiten Rasseliste. In einzelnen Bundesländern (z. B. Nordrhein-Westfalen) gelten für ihn wegen seiner Größe und seines Gewichts allerdings die allgemeinen, rasseunabhängigen Auflagen für „große Hunde“ (u. a. Sachkundenachweis, Haftpflichtversicherung) — das ist keine Einstufung als gefährlicher Hund.
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